Betrugsverdacht im Stradivarihandel

Schon in mehreren Zeitungen wurde darauf aufmerksam gemacht, dass einer der weltweit größten Händler alter italienischer Meisterinstrumente in Untersuchungshaft in der Schweiz sitzt und auf seine Auslieferung nach Österreich „wartet“.

So finden sich im österreichischem Standard mehre Artikel dazu:  „Millionen mit Stradivaris vergeigt“ und „Geigen gegen Abholung

Besonders versuchen hier Banken an ihr Geld in mehrstelliger Millionenhöhe auch im Zuge der Insolvenzverfahren zu kommen.

Wie kann es nun zu einem solchen Absturz kommen. Aufklärung in dieser Sache versucht  die Wiener Zeitung zu bringen, indem sie anerkannte Geigenbauer zu diesem Fall befragt.

Mit Instrumenten, die weniger als 100.000 Euro kosteten, gab er sich nicht ab. „Mickymaus-Geigen“ nannte er sie. (Zitat Wiener Zeitung „Versteigert und vergeigt“ vom 22.07.2011)

Nun wird sich natürlich jeder Musiker, der ein wunderschön klingendes Musikinstrument sein Eigen nennt, fragen, was damit wohl gemeint sein könnte. Die Entscheidung, sich mit solchen Instrumenten nicht abzugeben, könnte eine wirtschaftliche sein, da vielleicht der Gewinn nicht hoch wäre. Die Titulierung „Mickymaus-Geige“ ist nach meiner Ansicht allerdings völlig unangebracht, gibt es doch Instrumente in dieser Preiskategorie, die keinen Vergleich zu scheuen brauchen.

Weiterhin wird der renommierte Kollege Roger Hargrave zu den Vorgängen befragt, etwas ironisch wird er im obigen Artikel der Wiener Zeitung mit

„Man sagt, Geigen und Pferde soll man nicht kaufen“

zitiert.

Gemeint sind damit nicht die Musiker, die ein Gebrauchsinstrument suchen, sondern Anleger, die Instrumente als Investition kaufen.

Zu schwierig sind die Verhältnisse, die Experten sind oftmals nicht immer einer Meinung. Gehört man zum erlauchten Kreis der weltweit anerkannten Experten, deren Gutachten überall Anerkennung finden und teuer bezahlt werden müssen (bis zu 10% des Wertes) sollte man auch fragen, was ist, wenn neue Fakten und wissenschaftliche Verfahren entstehen, die die Echtheit eines Instrumentes eindeutiger verifizieren können. Denn wer war schon dabei, als Stradivari seine zahlreichen Instrumente baute?

Es muss jedem klar sein, dass ein Echtheitszertifikat immer auch Ausdruck persönlicher Erfahrung und Einschätzung ist und es gibt jede Menge „falscher“ Expertisen, im Geigenhandel ebenso wie im sonstigen Kunsthandel.

Werden die Karten auch „neu“ gemischt wenn die nächste Generation Experten heranwächst?

Laut Wiener Zeitung hat Roger Hargrave sich Instrumente angesehen, den der Händler M. deutschen und österreichischen Banken als Sicherheit für Millionenkredite zur Verfügung gestellt hatten. Das Urteil fällt vernichtend aus:

Sechs Banken hätten „Schrott gekauft“, sagt Hargrave. Mickymaus-Geigen gewissermaßen. Oft sei der Wert der Geigen viel zu hoch angesetzt gewesen, die Gutachten habe M. selbst schreiben dürfen. „Das ist so, als käme ich mit Glassteinen und sage: Ich hätte gerne einen Kredit, hier sind Diamanten“, sagt Hargrave. „Und die Bank fragt: Woher wissen wir, dass es Diamanten sind? – Kein Problem, ich schreibe Ihnen ein Zertifikat.“ (Zitat Wiener Zeitung „Versteigert und vergeigt“ vom 22.07.2011)

Hier scheint mir die Gier der Banken wieder zum Ausdruck zu kommen und die Blase platzt genauso wie bei vielen Hypothekenkrediten.

Der Artikel der Wiener Zeitung ist sehr gut geschrieben und bringt auch zum Ausdruck, warum es so relativ still in der Branche ist: es hängen viele mit drin, haben sich an den Geschäften beteiligt und Provisionen eingestrichen. (siehe auch meinen Artikel Provisionen beim Geigenkauf).

Es ist nur zu hoffen, dass auch die alten hochpreisigen Instrumente kritischer gesehen werden und die Preisfindung einmal hinterfragt wird. Wenn bei Millionenbeträgen Provisionen an verschiedene Zwischenhändler gezahlt werden, wer genau legt den Endpreis fest? Und welche Rolle spielt tatsächlich der Klang dabei?

Wie exakt lässt sich dagegen der Preis eines modernen Instrumentes nachvollziehen: Arbeitzeit x Stundensatz + Material = Preis…. Ein Kalkulation, wie Stradivari sie auch schon gekannt haben dürfte.

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